
Selbstfürsorge klingt erst einmal freundlich, weich, beinahe selbstverständlich. Du sollst gut für dich sorgen, auf dich achten, deine Bedürfnisse ernst nehmen. Doch sobald du genauer hinschaust, wird das Thema ziemlich unbequem. Denn hinter Selbstfürsorge steckt eine viel tiefere Frage: Wann bist du für dich eigentlich OK?
Genau dort beginnt für mich der entscheidende Punkt. In der Tradition der Transaktionsanalyse geht es beim „OK-Sein“ nicht um gute Laune, Wellness oder um ein optimiertes Selbstgefühl. Es geht um eine Grundhaltung. Um die innere Erlaubnis, dich als wertvoll, würdig und achtenswert zu behandeln – gerade auch dann, wenn du müde bist, zweifelst, scheiterst oder nicht funktionierst.
Viele Menschen knüpfen ihr OK-Sein allerdings an Bedingungen: Ich bin OK, wenn ich leistungsfähig bin. Ich bin OK, wenn andere zufrieden mit mir sind. Ich bin OK, wenn ich alles im Griff habe. Ich bin OK, wenn ich ruhig bleibe. Das Problem daran ist offensichtlich: Dann hängt dein innerer Wert an Umständen, die ständig schwanken. Und genau das macht dich im permanenten Wandel so verletzlich.
Selbstfürsorge beginnt deshalb nicht bei der Frage: „Was muss ich tun, damit es mir besser geht?“ Sondern bei der viel radikaleren Frage: „Wie behandle ich mich, wenn es mir gerade nicht gut geht?“
Hier wird es spannend. Denn oft verwechseln wir Selbstfürsorge mit Selbstoptimierung. Wir schlafen besser, essen gesünder, meditieren mehr, strukturieren unseren Kalender klüger – und all das kann sinnvoll sein. Aber wenn all diese Maßnahmen nur dazu dienen, dass du wieder schneller funktionierst, dann bist du nicht wirklich bei dir. Dann dienst du am Ende wieder nur einem inneren oder äußeren Leistungsprogramm.
Selbstfürsorge ist tiefer. Sie fragt: Was brauche ich wirklich? Ruhe oder Klarheit? Abstand oder Kontakt? Schutz oder Mut? Anerkennung oder einfach einen ehrlichen Blick auf das, was gerade ist?
Gerade in der co-kreativen Transaktionsanalyse wird deutlich: dein OK-Sein entsteht nicht nur in dir allein. Es entsteht auch zwischen dir und anderen. In Beziehungen. In Begegnungen. In den Feldern, in denen du lebst und arbeitest. Es macht einen Unterschied, ob du in einem Umfeld bist, das dich sieht, würdigt und ernst nimmt – oder in einem Umfeld, in dem du dich permanent anpassen, beweisen oder schützen musst.
Darum ist Selbstfürsorge nie nur Privatsache. Sie hat auch mit deinen Beziehungen zu tun. Mit Grenzen. Mit Konfliktfähigkeit. Mit der Bereitschaft, nicht überall mitzuspielen. Manchmal ist die beste Form von Selbstfürsorge nicht noch eine Atemübung, sondern ein klares Nein. Manchmal nicht Rückzug, sondern ein ehrliches Gespräch. Manchmal nicht Durchhalten, sondern Konsequenzen ziehen.
Vielleicht klingt das zunächst hart. Aber es ist eigentlich sehr lebendig. Denn OK-Sein bedeutet nicht, dass immer alles angenehm ist. Es bedeutet auch nicht, dass du immer harmonisch, freundlich oder ausgeglichen bist. Im Gegenteil: Du kannst aufgewühlt sein, wütend, erschöpft oder traurig – und trotzdem für dich OK. Entscheidend ist, ob du dich in diesem Zustand verlässt oder ob du bei dir bleibst.
Philosophisch gesprochen geht es dabei weniger um Glück als Stimmung und mehr um ein gelingendes Leben. Nicht: „Wie fühle ich mich möglichst oft gut?“ Sondern: „Wie lebe ich so, dass ich mir selbst treu bleibe?“ Positive Psychologie und Neurobiologie würden ergänzen: Natürlich spielen Schlaf, Bewegung, Verbundenheit und Stressregulation eine große Rolle. Dein Nervensystem braucht Fürsorge. Dein Körper braucht Schutz. Deine Psyche braucht Resonanz. Doch all das wird erst dann wirklich wirksam, wenn du dich innerlich nicht ständig abwertest.
Darum gehört Selbstmitgefühl in die Mitte jeder Selbstfürsorge. Nicht als Selbstmitleid, sondern als reife Haltung: Ich nehme wahr, dass es gerade schwer ist. Ich mache mich deshalb nicht kleiner. Ich bleibe in Kontakt mit mir. Ich bin auch dann noch achtenswert, wenn ich gerade nicht glänze.
Vielleicht ist das die ehrlichste Antwort auf die Frage, wann du für dich OK bist: Du bist für dich OK, wenn du dich nicht verlässt. Wenn du deine Bedürfnisse nicht gegen Leistung eintauschst. Wenn du dich nicht erst verdienen musst. Wenn du lernst, dir selbst so zu begegnen, wie du einem Menschen begegnen würdest, den du wirklich achtest.
Selbstfürsorge ist dann kein Luxus und keine Methode mehr. Sie wird zu einer Haltung. Und vielleicht sogar zu einer stillen Form von Würde im Wandel.







