
Wie wir handlungsfähig bleiben, wenn sich alles verändert
Zwischen Unsicherheit und Anpassung: Die Herausforderung unserer Zeit
Montagmorgen. Noch bevor der erste Kaffee getrunken ist, leuchtet das Smartphone auf. Eine Nachricht aus dem Teamchat, mehrere neue E-Mails mit hoher Priorität, ein Termin wurde verschoben, ein anderer kurzfristig angesetzt. Gleichzeitig laufen die Nachrichten im Hintergrund: technologische Umbrüche, wirtschaftliche Unsicherheiten, gesellschaftliche Spannungen. Wir erleben unseren Alltag heute als eine Abfolge permanenter Anpassungsleistungen. Was gestern noch Orientierung bot, scheint morgen bereits überholt zu sein.
In solchen Momenten entsteht der Wunsch nach mehr Kontrolle. Wir nehmen uns vor, disziplinierter zu sein, uns besser zu organisieren oder unsere Emotionen stärker im Griff zu haben. Doch genau hier beginnt ein Missverständnis. Die entscheidende Fähigkeit unserer Zeit ist nicht Selbstkontrolle, sondern Selbststeuerung. Es geht nicht darum, alles unter Kontrolle zu bringen, sondern darum, auch unter Bedingungen von Unsicherheit, Komplexität und Veränderung handlungsfähig zu bleiben.
Der Psychiater und hypnosystemische Therapeut Dr. Gunther Schmidt sowie der Psychotherapeut Dr. Michael Bohne haben auf unterschiedlichen Wegen Antworten auf die Frage entwickelt, wie Menschen ihre innere Steuerungsfähigkeit stärken können. Ihre Ansätze unterscheiden sich in den Methoden, treffen sich jedoch in einer zentralen Erkenntnis: Menschen gewinnen ihre Stabilität nicht dadurch, dass sie Veränderungen verhindern, sondern dadurch, dass sie lernen, sich selbst inmitten von Veränderungen bewusst zu begleiten.
Warum Selbststeuerung etwas anderes ist als Selbstkontrolle
Gunther Schmidt weist darauf hin, dass unser Erleben wesentlich davon geprägt wird, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten: „Erleben ist dort, wohin Aufmerksamkeit geht.“ Oft glauben wir, die äußeren Umstände seien die Ursache unseres Stresses. Tatsächlich spielt jedoch auch die Art und Weise eine Rolle, wie wir diese Umstände wahrnehmen und interpretieren. Wer seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf Probleme, Risiken oder Fehler richtet, erzeugt unweigerlich ein Erleben, in dem Belastung und Ohnmacht dominieren.
Das bedeutet nicht, Schwierigkeiten zu leugnen oder schönzureden. Es bedeutet vielmehr, die eigene Wahrnehmung so zu erweitern, dass neben den Herausforderungen auch Ressourcen, Handlungsmöglichkeiten und bereits vorhandene Kompetenzen sichtbar werden.
Viele Menschen kennen die Erfahrung, dass sie sich gedanklich immer wieder um dieselben Sorgen drehen. Je länger sie über ein Problem nachdenken, desto größer erscheint es. Schmidt beschreibt solche Prozesse als selbstverstärkende Muster. Die Aufmerksamkeit verengt sich, alternative Perspektiven verschwinden aus dem Blickfeld, und das Gefühl von Handlungsfähigkeit nimmt ab. Selbststeuerung beginnt daher häufig mit einer einfachen, aber wirkungsvollen Frage: Worauf richte ich gerade meine Aufmerksamkeit – und was übersehe ich möglicherweise dadurch?
Diese Frage gewinnt besonders in Zeiten des Wandels an Bedeutung. Veränderung erzeugt Unsicherheit, und Unsicherheit aktiviert bei vielen Menschen den Wunsch nach Sicherheit und Kontrolle. Wenn diese Kontrolle jedoch nicht verfügbar ist, entsteht schnell das Gefühl, ausgeliefert zu sein. Wer dagegen lernt, die eigene Aufmerksamkeit bewusst zu lenken, entdeckt oft mehr Einflussmöglichkeiten, als zunächst sichtbar waren. Nicht die äußere Situation verändert sich dadurch sofort, wohl aber die innere Position, aus der heraus gehandelt wird.
Der Körper als Kompass für Veränderung
Michael Bohne ergänzt diese Perspektive um einen Aspekt, der in vielen Konzepten der Selbstführung zu wenig Beachtung findet: den Körper. Gefühle entstehen nicht allein im Kopf. Sie zeigen sich in Herzschlag, Muskelspannung, Atmung, Haltung oder einem flauen Gefühl im Magen. Der Körper ist nicht lediglich ein Empfänger unserer Gedanken, sondern ein aktiver Teil unseres Erlebens.
Im Alltag wird diese Verbindung oft deutlich. Ein schwieriges Gespräch steht bevor, und die Schultern verspannen sich. Eine wichtige Entscheidung muss getroffen werden, und plötzlich wird die Atmung flacher. Eine unerwartete Veränderung tritt ein, und der Körper reagiert schneller, als der Verstand die Situation überhaupt erfassen kann. Bohnes Arbeit macht deutlich, dass solche körperlichen Reaktionen keine Störungen sind, die beseitigt werden müssen. Vielmehr enthalten sie Informationen darüber, wie wir eine Situation erleben.
Wer lernt, auf diese Signale zu achten, erweitert seine Möglichkeiten der Selbststeuerung erheblich. Anstatt ausschließlich zu fragen: „Warum fühle ich mich so?“, kann die Frage lauten: „Was möchte mir dieser Zustand mitteilen?“ Hinter Nervosität kann ein wichtiger Wert stehen. Hinter Ärger möglicherweise eine verletzte Grenze. Hinter Erschöpfung oft ein Bedürfnis, das über längere Zeit ignoriert wurde. Der Körper wird dadurch zu einem Orientierungssystem, das hilft, die eigene Situation besser zu verstehen.
Resilienz bedeutet nicht Härte, sondern Beweglichkeit
Interessanterweise bestätigt auch die moderne Resilienzforschung viele dieser Beobachtungen. Lange Zeit wurde Resilienz als eine Art innere Widerstandskraft verstanden. Resiliente Menschen galten als besonders stark, belastbar und unerschütterlich. Heute zeichnet die Forschung ein differenzierteres Bild.
Resilienz bedeutet weniger Härte als vielmehr Anpassungsfähigkeit. Menschen, die Krisen und Veränderungen gut bewältigen, sind nicht deshalb erfolgreich, weil sie keine Angst, keine Zweifel oder keine Erschöpfung erleben. Sie zeichnen sich vielmehr dadurch aus, dass sie flexibel auf unterschiedliche Situationen reagieren können.
Manchmal bedeutet das, aktiv zu handeln. Manchmal bedeutet es, bewusst abzuwarten. In anderen Situationen ist es hilfreich, Unterstützung anzunehmen oder die eigene Perspektive zu verändern. Resilienz zeigt sich nicht in einer einzigen Strategie, sondern in der Fähigkeit, zwischen verschiedenen Strategien zu wechseln. Genau darin liegt eine wesentliche Form moderner Selbststeuerung.
In einer Welt, die sich ständig verändert, wird Anpassungsfähigkeit wichtiger als Perfektion. Wer versucht, immer stark zu sein, erschöpft sich häufig. Wer dagegen lernt, flexibel zu reagieren, entwickelt jene innere Beweglichkeit, die nachhaltige Stabilität ermöglicht.
Die Kraft der Selbstwirksamkeit
Ein weiterer Schlüsselbegriff in diesem Zusammenhang ist die Selbstwirksamkeit. Der Psychologe Albert Bandura konnte bereits vor Jahrzehnten zeigen, dass Menschen besonders dann handlungsfähig bleiben, wenn sie davon überzeugt sind, durch ihr eigenes Tun etwas bewirken zu können.
Dabei geht es nicht um die Illusion vollständiger Kontrolle. Niemand kann sämtliche Entwicklungen in seinem Leben beeinflussen. Entscheidend ist vielmehr die Erfahrung, dass es immer einen Bereich gibt, in dem eigenes Handeln einen Unterschied macht.
Gerade in Zeiten tiefgreifender Veränderungen verlieren viele Menschen diesen Bereich aus dem Blick. Die Herausforderungen erscheinen zu groß, die Unsicherheiten zu zahlreich und die Zukunft zu unübersichtlich. Dann entsteht leicht das Gefühl, nichts mehr beeinflussen zu können.
Selbststeuerung bedeutet in solchen Momenten, den Blick wieder auf den eigenen Handlungsspielraum zu richten. Statt sich zu fragen, wie alle Probleme gelöst werden können, wird die Aufmerksamkeit auf den nächsten sinnvollen Schritt gelenkt. Aus dieser Perspektive wächst Selbstwirksamkeit nicht durch große Durchbrüche, sondern durch viele kleine Erfahrungen gelingender Einflussnahme.
Warum wir andere Menschen brauchen
Dabei darf Selbststeuerung nicht mit einem einsamen Projekt verwechselt werden. Ein verbreitetes Ideal unserer Zeit suggeriert, dass Selbstbestimmung vor allem Unabhängigkeit bedeutet. Die psychologische Forschung kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis.
Menschen benötigen Beziehungen. Sie brauchen Resonanz, Unterstützung, Zugehörigkeit und Orientierung. Gute Beziehungen helfen nicht nur dabei, Belastungen zu bewältigen, sondern stärken auch die Fähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen und den eigenen Weg zu gehen.
Selbstbestimmung entsteht daher nicht im Rückzug von anderen Menschen, sondern häufig gerade in der Qualität unserer Verbindungen. Wer sich verstanden fühlt, gewinnt leichter Klarheit über die eigenen Bedürfnisse. Wer Unterstützung erfährt, kann mutiger handeln. Wer sich zugehörig fühlt, entwickelt mehr Vertrauen in die eigene Wirksamkeit.
Gerade in einer Zeit, die Individualisierung und Selbstoptimierung oft in den Mittelpunkt stellt, erinnert uns diese Erkenntnis daran, dass menschliche Entwicklung immer auch ein gemeinschaftlicher Prozess ist.
Die Kunst, mit sich selbst zusammenzuarbeiten
Wenn man die Gedanken von Gunther Schmidt, Michael Bohne und die Erkenntnisse der modernen Resilienzforschung zusammenführt, entsteht ein bemerkenswertes Bild. Selbststeuerung bedeutet nicht, sich permanent zu optimieren oder jede Unsicherheit zu beseitigen. Sie bedeutet vielmehr, immer wieder einen guten Kontakt zu sich selbst herzustellen.
Dazu gehört die Fähigkeit, die eigene Aufmerksamkeit bewusst zu lenken, körperliche Signale wahrzunehmen, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen, Handlungsspielräume zu erkennen und tragfähige Beziehungen zu gestalten. Selbststeuerung ist damit weniger eine Technik als eine Haltung. Sie beschreibt die Bereitschaft, sich selbst aufmerksam, neugierig und wertschätzend zu begegnen.
Wer sich selbst nur antreibt, wird irgendwann erschöpfen. Wer lernt, mit sich selbst zusammenzuarbeiten, entwickelt dagegen eine Form innerer Stabilität, die auch in schwierigen Zeiten trägt.
5 alltagstaugliche Impulse für mehr Selbststeuerung
1. Erweitern Sie Ihren Blickwinkel
Wenn wir unter Druck geraten, verengt sich unsere Aufmerksamkeit oft auf das, was nicht funktioniert. Probleme erscheinen größer, als sie sind, und mögliche Lösungen geraten aus dem Blick. Nehmen Sie sich deshalb bewusst einen Moment Zeit und fragen Sie sich: „Worauf konzentriere ich mich gerade so stark, dass ich andere Aspekte der Situation kaum noch wahrnehme?“ Oft eröffnet bereits diese Frage neue Perspektiven und macht Handlungsmöglichkeiten sichtbar, die zuvor verborgen geblieben sind.
2. Hören Sie Ihrem Körper zu
Unser Körper registriert Veränderungen häufig früher als unser Verstand. Verspannungen, Unruhe, Erschöpfung oder Nervosität sind nicht einfach Störungen, die beseitigt werden müssen. Sie können wertvolle Hinweise darauf geben, was gerade in uns vorgeht. Versuchen Sie deshalb, körperliche Signale neugierig wahrzunehmen, statt sie sofort zu bewerten. Fragen Sie sich: „Was möchte mir mein Körper möglicherweise mitteilen?“ Allein diese Haltung kann helfen, bewusster mit Belastungen umzugehen.
3. Denken Sie kleiner, um wirksamer zu werden
Gerade in unübersichtlichen Situationen neigen wir dazu, auf die Größe der Herausforderung zu schauen. Das kann schnell zu dem Gefühl führen, nichts bewirken zu können. Hilfreicher ist es, den Fokus auf den nächsten realistischen Schritt zu richten. Fragen Sie sich: „Was kann ich heute konkret tun, das in meinem Einflussbereich liegt?“ Selbstwirksamkeit entsteht selten durch große Veränderungen, sondern durch viele kleine Erfahrungen, bei denen wir erleben, dass unser Handeln einen Unterschied macht.
4. Erlauben Sie sich verschiedene Wege
Es gibt nicht die eine richtige Strategie für jede Situation. Manchmal hilft es, aktiv zu werden. Manchmal ist es klüger, zunächst innezuhalten. In anderen Momenten kann ein Gespräch mit einer vertrauten Person oder eine bewusste Pause die beste Lösung sein. Statt automatisch immer gleich zu reagieren, lohnt es sich zu überlegen: „Welche verschiedenen Möglichkeiten habe ich, mit dieser Situation umzugehen?“ Je größer unser Repertoire an Reaktionsmöglichkeiten wird, desto flexibler und resilienter können wir handeln.
5. Begegnen Sie sich selbst mit Wohlwollen
Viele Menschen sprechen mit sich selbst deutlich strenger, als sie es mit einem guten Freund oder einer guten Freundin tun würden. Gerade in schwierigen Phasen verstärken Selbstkritik und innere Vorwürfe jedoch häufig den Druck. Fragen Sie sich daher immer wieder: „Hilft die Art, wie ich gerade mit mir spreche, dabei, handlungsfähig zu bleiben?“ Selbststeuerung gelingt nicht durch innere Härte, sondern durch einen respektvollen und konstruktiven Umgang mit sich selbst. Wer sich selbst unterstützt, statt sich zusätzlich unter Druck zu setzen, schafft die Grundlage für nachhaltige Veränderung und persönliche Entwicklung.
Fazit: Stabilität entsteht durch innere Beweglichkeit
In einer Welt, die sich ständig verändert, liegt die eigentliche Stabilität nicht mehr in festen äußeren Strukturen. Sie entsteht aus einer inneren Beweglichkeit. Menschen, die sich selbst gut steuern können, müssen nicht jede Entwicklung vorhersehen und nicht jede Herausforderung kontrollieren. Sie vertrauen darauf, dass sie sich orientieren, anpassen und neu ausrichten können.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Kompetenz unserer Zeit: nicht die Fähigkeit, Veränderungen zu verhindern, sondern die Fähigkeit, sich selbst inmitten von Veränderungen nicht zu verlieren.
Selbststeuerung beginnt dort, wo wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen, und anfangen, bewusst mit uns selbst zusammenzuarbeiten. Genau darin liegt die Chance, auch in einer Welt des permanenten Wandels nicht nur zu funktionieren, sondern lebendig, verbunden und handlungsfähig zu bleiben.




