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Warum Einsicht allein nicht reicht – 5 Schlüssel für echte Verhaltensänderung in Führung

Du kennst das vielleicht: Im Training ist alles klar. Du verstehst Modelle, du kannst sie erklären, du nimmst dir fest vor, ab Montag „es anders zu machen“. Und dann kommt der Alltag – Meetings, Druck, Konflikte, Zeitmangel – und plötzlich reagierst du wieder wie früher. Nicht, weil du es nicht verstanden hättest. Sondern weil dein System unter Stress auf das zurückgreift, was es am schnellsten verfügbar hat: alte Routinen.

Ich schreibe diesen Artikel, weil ich genau diese Lücke zwischen Wissen und Tun in Organisationen immer wieder sehe – und weil es Wege gibt, sie zu schließen. Dafür brauchst du mehr als Einsicht: du brauchst Erfahrung, Beziehung, Körperkontakt (im Sinne von „spürbar werden“) und eine neue Geschichte über dich selbst.

1) Einsicht ist Kopf – Veränderung ist auch Körper

Kognitives Verstehen ist wichtig. Aber unser Verhalten wird nicht nur vom Denken gesteuert. António R. Damásio beschreibt, dass Entscheidungen stark von „somatischen Markern“ geprägt sind: Körperliche Empfindungen und Emotionen markieren, was sich sicher oder riskant anfühlt. Wenn du in einer Stresssituation „weißt“, dass du ruhig bleiben willst, aber dein Körper Alarm schlägt, gewinnt oft der Alarm.

Darum frage ich im Coaching nicht nur: „Was hast du verstanden?“, sondern auch: „Wo spürst du es – und wie genau?“ Echte Veränderung beginnt häufig erst dann, wenn du dein Muster im Moment erkennst: im Atem, im Kiefer, in der Enge im Brustkorb, im Impuls zu kontrollieren, zu flüchten oder zu kämpfen. Wenn du dort ansetzt, wird Einsicht handlungsfähig.

2) Unter Druck gewinnt das alte Skript – außer du trainierst den Wechsel

Viele Führungskräfte sind im Alltag hoch reflektiert – bis der Druck steigt. Dann übernimmt ein innerer Autopilot. In der Sprache der Transaktionsanalyse: Unter Stress rutschen wir leichter in alte Ich-Zuständsqualitäten und reagieren aus einem früher gelernten Schutzprogramm (psychologische Abwehrstrategien). Das ist nicht „schlecht“, es war einmal nützlich. Nur passt es heute oft nicht mehr.

Der entscheidende Punkt ist: Du kannst den Wechsel trainieren. Nicht durch noch mehr Theorie, sondern durch Übung in realistischen Situationen – so, dass dein Nervensystem lernt: Ich kann anders reagieren, und ich bleibe sicher.

3) Beziehung verändert Biologie – warum psychologische Sicherheit kein Luxus ist

Prof. Dr. Joachim Bauer betont, wie stark unser Gehirn auf Resonanz, Zugehörigkeit und Anerkennung reagiert. Motivation ist nicht nur Willenskraft – sie ist biologisch gekoppelt an Beziehung. Wenn du dich sicher, gesehen und respektiert fühlst, kann dein System neugierig werden und Neues ausprobieren. Wenn du dich bewertet oder bedroht fühlst, macht dein System dicht.

Darum ist „psychological safety“ nicht nett gemeint, sondern ein echter Wirkfaktor. Und hier kommt ein mutiger Hebel ins Spiel: Verletzlichkeit. Wenn du als Führungskraft einen echten Satz sagst wie „Ich bin gerade unsicher, wie wir das am besten lösen – ich brauche eure Perspektiven“, entsteht häufig etwas, das kein Change-Projekt herstellen kann: Vertrauen. Nicht weich. Sondern real.

4) Das Spiel senkt Abwehr – und öffnet den Raum für neue Entscheidungen

Veränderung löst Widerstand aus. Und Widerstand ist oft nur ein Schutzmechanismus. Genau deshalb arbeite ich gern mit spielerischen, strukturierten Formaten – wie dem Leadership Key Game. Das Spiel schafft eine besondere Mischung aus Leichtigkeit und Tiefe: Du darfst experimentieren, ohne gleich „richtig“ oder „falsch“ zu sein.

Hier passt Michael White (narrative Therapie) sehr gut: Wenn du ein Problem externalisierst, also „nach außen stellst“, wirst du handlungsfähiger. Dann bist du nicht der Kontrollmensch, sondern du beobachtest „Kontrolle“ als Muster, das in bestimmten Situationen auftaucht. Das verändert sofort die innere Dynamik: weniger Scham, mehr Wahlfreiheit. Und genau diese Wahlfreiheit brauchen wir, um Neues auszuprobieren.

5) Der Weg vom Gestern ins Heute: kurz, klar, wirksam

Nachhaltige Veränderung ist kein Moment, sondern ein Prozess. In meinen Formaten arbeite ich oft entlang eines klaren Pfads – vom „Gestern“ (altes Muster) ins „Heute“ (wirksames Verhalten). In Kurzform sieht er so aus:

  • Alte Botschaft erkennen: Welche inneren Regeln steuern dich („Sei perfekt“, „Mach es allen recht“, „Sei stark“)?
  • Reaktion unter Stress sehen: Rebellion, Resignation oder Anpassung – wie sieht dein Coping aus?
  • Neuentscheidung treffen: Nicht im Kopf, sondern so, dass du sie fühlst und glaubst.
  • Neues Verhalten üben: in konkreten Situationen, mit Feedback.
  • Neue unterstützende Botschaft verankern: ein innerer Satz, der dich im Alltag trägt.

Der Kern ist die Neuentscheidung: Du überschreibst aktiv eine alte Überlebensstrategie. Und du machst es so, dass dein System merkt: Ich darf das. Ich kann das. Es ist sicher genug.

Ein Workshop-Bild aus Hamburg-Volksdorf: Wenn Einsicht plötzlich „greifbar“ wird

Ich beschreibe dir ein anonymisiertes, verdichtetes Beispiel, wie ich es Anfang Januar 2026 im Co Kreativen Institut in Hamburg-Volksdorf mit einer Gruppe von sechs Teilnehmenden erlebt habe.

Die Gruppe bestand aus Führungskräften aus unterschiedlichen Bereichen. Inhaltlich waren alle schnell: Modelle verstanden, kluge Beiträge, viel Kopfnicken. Doch als wir in eine Übung gingen, in der jede Person ein eigenes Muster in einer typischen Stressszene darstellen sollte, wurde es still. Eine Teilnehmerin – ich nenne sie Karin – sagte: „Ich weiß, dass ich mehr delegieren muss. Aber sobald es kritisch wird, mache ich alles selbst.“

Wir externalisierten das Muster. Karin gab ihm einen Namen: „Der Sicherheits-Manager“. Zwei andere Teilnehmende spielten in einer kurzen Szene diesen „Sicherheits-Manager“ und gleichzeitig den Anteil, der eigentlich führen und vertrauen wollte. Plötzlich stand Karins innerer Konflikt sichtbar im Raum – nicht als Analyse, sondern als Erfahrung.

Und dann passierte der entscheidende Moment: Karin bemerkte körperlich, wie sie bei dem Satz „Ich mache das lieber selbst“ den Atem anhielt. Wir stoppten die Szene, ließen sie einen Schritt zurücktreten, durchatmen, den Boden spüren. Erst dann formulierte sie ihre Neuentscheidung: „Ich delegiere einen klaren Teil – und ich halte die Unsicherheit aus.“ Sie verankerte diesen Satz mit einer kleinen Geste (Hand auf den Brustkorb, langsamer Atem), als körperliches Signal für ihr Nervensystem.

In der nächsten Runde spielte sie die Szene erneut – diesmal mit der Neuentscheidung im Rücken. Nicht perfekt. Aber spürbar anders: mehr Ruhe, mehr Klarheit, weniger Druck. Danach sagte ein anderer Teilnehmer: „Ich habe gerade gemerkt, dass ich mich auch hinter Kontrolle verstecke.“ Und genau dort entstand Beziehung: nicht über Theorie, sondern über geteilte Menschlichkeit. Aus Einsicht wurde Bewegung.

Schlussgedanke: Welche Neuentscheidung ist bei dir fällig?

Wenn du nur im Kopf bleibst, bleibt Veränderung oft eine gute Idee. Wenn du aber Muster erlebbar machst, Beziehung zulässt, den Körper einbeziehst und deine eigene Geschichte neu erzählst, entsteht etwas anderes: echte Wahlfreiheit.

Vielleicht magst du dich heute fragen:

  • Welches Muster taucht bei mir unter Druck auf?
  • Was spüre ich dabei im Körper?
  • Welche kleine Neuentscheidung könnte ich in den nächsten 7 Tagen ausprobieren?

Nicht groß. Nicht perfekt. Aber echt. Denn genau so beginnt nachhaltige Veränderung.